In Berlin gibt es digitale Zeitzeugen im Klassenzimmer – Märkische Oderzeitung 10.02.2020
Paul Schaffer ist 17 Jahre alt, als er in einem stickigen Viehwaggon Richtung Auschwitz deportiert wird. Nach drei Tagen voller Qual und Verzweiflung wird der Jugendliche von der SS gemeinsam mit 40 arbeitsfähigen Männern plötzlich aussortiert. Schaffer entgeht nur dem Tod, weil er sich älter macht, behauptet den Beruf des Eisendrehers gelernt zu haben, und ihm nach Jahren der Zwangsarbeit die Flucht gelingt.
Der heute 96-Jährige ist einer von fünf Überlebenden, deren Geschichten nun auf der App “Fliehen vor dem Holocaust” verewigt wurden. Die digitale Anwendung steht derzeit auf dem Stundenplan des Werner-von-Siemens-Gymnasiums in Zehlendorf. “Wenn wir den Geschichtsunterricht ernst nehmen wollen, brauchen wir Zeitzeugen. Doch 75 Jahre nach der Auschwitz-Befreiung werden die immer rarer”, sagt Sebastian Telschow.
So teilt der Geschichtslehrer an seine Neunt- und Zehntklässler Tablets aus. Jeder Schüler kann selbst wählen, welches der rund 20-minütigen Interviews er sich anschaut. Während manchem Protagonisten mit seiner Familie die Flucht bis nach Israel oder China gelang, hat Paul Schaffer seine ganze Familie verloren. Auf der App erzählt er, wie Mutter und Schwester weiter ins Gas fuhren, wie er stundenlang nackt in der oberschlesischen Winterkälte ausharren musste, und von dem Gefühl, nach dem Tätowieren der KZ-Nummern kein Mensch mehr zu sein.
“Es gibt Schüler, die das nicht an sich heranlassen, die das überwältigt, das müssen wir akzeptieren”, sagt Telschow. Aber genau das sei der Vorteil der App. “Man kann auch einfach Stopp drücken.” Der 31-Jährige stellt auch bewusst keine Testfragen oder übt sonstigen Notendruck aus. Die Schüler können anschließend lediglich per Klick Fragen beantworten wie: “Warum hast Du dich für diese Person entschieden?” Oder: “Wie hättest Du damals in dieser Situation gehandelt?”
Als Lehrbeauftragter für Didaktik der Geschichte an der Freien Universität Berlin hat sich der junge Lehrer gründlich mit dem Thema Zeitzeugen-Arbeit im Unterricht auseinandergesetzt und seine Masterarbeit darüber geschrieben. So kam er auch in Berührung mit der kostenlosen App, die sein Professor Martin Lücke mitentwickelt hatte. Telschow erforschte nicht nur, wie Schüler auf die emotionalen Geschichten reagieren, sondern entwickelte auch eine Handreichung für andere Pädagogen, damit sie die App in ihre Lehrpläne integrieren können. Seine Anleitung richtet sich auch an Gesamtschulen und Integrierte Sekundarschulen. “Dort hat das historisch-emotionale Lernen noch mal ein besonderes Potenzial, weil der Zugang von muslimischen Schülern zu jüdischem Leid schwieriger ist”, erklärt Telschow.
Das NS-Regime wird häufig erst gegen Ende der 9. Klasse unter dem Oberbegriff “Demokratie und Diktatur” behandelt. “Der Einsatz wäre aber schon in der 7. und 8. Klasse unter dem Thema ,Flucht und Vertreibung’ möglich”, erklärt der Lehrer, dessen Praxisanleitung nun jeder Interessierte im Internet herunterladen kann.
Dass er selbst so ein engagierter Geschichtslehrer wurde, liegt wohl in seiner eigenen Kindheit begründet. “Wenn es Zeugnisse gab, wollte mein Großvater immer nur meine Geschichtsnote wissen.” Als Sanitäter hatte dieser im Zweiten Weltkrieg Schreckliches gesehen. “Du musst wissen, was damals war, um zu verhindern, dass es wieder so wird”, gab der Großvater seinem Enkel mit auf den Weg. Doch als dieser reif genug war, konnte er den Großvater nicht mehr befragen. Er starb, als Telschow 15 Jahre alt war. “Damit uns das Wissen der Zeitzeugen nicht verloren geht, müssen wir neue, moderne Wege gehen”, ist sich der junge Lehrer sicher.
Maria Neuendorff / 10.02.2020, 03:30 Uhr
